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Höher!

Höher!

Niemand auf der Welt surft so riesige Wellen wie der Deutsche Sebastian Steudtner. Um noch schneller zu werden, lässt er sich von Biomechanikern und der Autoindustrie helfen. Macht er seinen Sport besser? Oder macht er ihn kaputt?

(Erschienen in: Die ZEIT, Ressort Dossier, Ausgabe 34/2023. Zur Online-Version)

Sebastian Steudtners Problem ist aus Metall und steckt in seinem linken Fuß. Es ist ein Tag im März, das erste Treffen für diesen Artikel. Eigentlich war geplant, sich bei einem Mittagessen in Ruhe kennenzulernen, in Nazaré, einem Städtchen an der portugiesischen Atlantikküste, wo Steudtner wohnt. Doch gerade eben hat sein Arzt aus Lissabon angerufen. Ein Termin ist frei geworden. Steudtner schlingt die Putenbrust hinunter und springt in seinen Porsche Taycan 4S. Bis Lissabon sind es eineinhalb Stunden, er sagt, man könne ja mitkommen.

Im Winter warf ihn eine Welle vom Brett, als seine Füße noch in den Schlaufen steckten. Steudtner brach sich zwei Knochen im linken Fuß. Inzwischen sind sie verheilt, die kleine Metallplatte, die beim Zusammenwachsen helfen sollte, ist aber noch da. Steudtner spürt sie kaum, sie behindert ihn nicht beim Surfen. Und doch will er von dem Arzt unbedingt wissen: Was wäre, wenn man die Platte herausnähme? Brächte das eine Verbesserung?

Auf dem Weg nach Lissabon sitzt er auf der Rückbank, seine PR-Managerin fährt. Steudtner hat zwei Narben im Gesicht, eine oben auf der Stirn und eine etwas tiefer neben der linken Augenbraue, beide hat sein Surfbrett geschlagen. Er balanciert einen Laptop auf dem Schoß, ein iPhone liegt neben ihm, ein weiteres hat er zwischen Ohr und Schulter geklemmt. Steudtner telefoniert mit einem anderen Arzt. Er muss sich noch schnell die Röntgenbilder besorgen, die er für den Termin in Lissabon braucht.

Am Krankenhaus steigt er aus dem Auto. Drinnen, in einer modernen Privatklinik, winkt ihn ein Mann mit Anzug und Krawatte zu sich. Der Mann heiße Ricardo, wird Steudtner später erzählen. Die Klinik stelle ihm immer jemanden zur Seite, damit er nicht warten müsse wie die gewöhnlichen Patienten.

Es gibt etwas, das Sebastian Steudtner besser kann als jeder andere Mensch auf der Welt: Mit seinem Brett gleitet er über Wasserberge, die so hoch sind wie das Brandenburger Tor. Der 38-jährige Deutsche ist der beste Big-Wave-Surfer der Welt. Seit vergangenem Jahr steht er im Guinness Buch der Rekorde für die höchste jemals gesurfte Welle, sie maß 26,21 Meter.

Es ist eine Leistung, die sich mit der Erstbesteigung des Mount Everest ohne Sauerstoff vergleichen lässt oder mit den 9,58 Sekunden, in denen Usain Bolt die 100 Meter zurücklegte. Etwas, von dem man lange Zeit dachte, kein Mensch könne es schaffen.

Im Sport ging es schon immer darum, besser zu werden. Und dann noch besser. Man läuft, um der Schnellste zu sein; wirft den Diskus, damit er weiter fliegt als zuvor; spielt Basketball, um als Gewinner vom Feld zu gehen. Beim Surfen aber schien das lange anders zu sein.

Das Wellenreiten wurde in den Fünfziger- und Sechzigerjahren zuerst in den USA, später in der ganzen Welt auch deshalb populär, weil es eine Alternative bot zum Wettkampfsport. Sonne, Strand, ein Brett und weiße Wellen – im Surfen gab es keinen Kampf. Wer surfen ging, der verabschiedete sich für ein paar Stunden aus einem System, in dem alle immerzu gewinnen wollen, in dem alles immerzu gemessen und verbessert wird.

Für Sebastian Steudtner dagegen bedeutet "surfen" und "sich verbessern" so ziemlich dasselbe. Pausenlos arbeitet er daran, seine Leistung zu optimieren. Neuerdings lässt er Ingenieure Drohnen bauen, die per Lichtsensor die Höhe der Wellen messen. Gemeinsam mit Wissenschaftlern entwickelt er Neoprenanzüge, die seine Bewegungen aufzeichnen. Und erst kürzlich präsentierte der Autohersteller Porscheein mit Steudtner entwickeltes Brett, mit dem er mehr als 50 Meter hohe Wellen surfen soll.

Die Frage ist: Macht Steudtner damit seinen Sport besser – oder macht er ihn kaputt?

In Lissabon kommt Steudtner nach etwa einer Stunde wieder aus der Klinik. Der Arzt habe gesagt, wenn die Metallplatte ihn beim Surfen nicht störe, könne sie im Fuß bleiben. Kein Grund für einen Eingriff. Steudtner wirkt zufrieden. Er fährt zurück nach Nazaré, wo er von seinem Haus aus auf das Stück Meer schauen kann, das ihm den Weltrekord brachte.

Der 29. Oktober 2020 – der Eintrag als Weltrekord erfolgte 2022 – beginnt für Steudtner um fünf Uhr morgens. Wie immer frühstückt er Haferflocken, Früchte und Nüsse. Noch vor Sonnenaufgang, so erzählt er es, fährt er zum Hafen von Nazaré und trifft dort sein Team. Er schlüpft in eine Weste mit zwei Sauerstoffkartuschen, die ihm Auftrieb geben sollen, falls er unter Wasser gedrückt wird. Darüber zieht er den Neoprenanzug, mit Polstern an Oberschenkeln, Bauch, Rücken, Armen und Nacken. Fokussierte Blicke. Dann greift Steudtner sein Surfbrett und lässt sich im Morgengrauen von einem Jetski aufs Meer hinausbringen.

Sebastian Steudtner sieht sich nicht als Surfer, sondern als Athlet. Er joggt mit Gewichtsweste, übt Thaiboxen und absolviert Höhentraining in den Bergen. Sein Trainer, der schon den österreichischen Skirennfahrer und Olympiasieger Hermann Maier betreute, schickt ihm jede Woche einen Trainingsplan. Steudtner kann unter Wasser bis zu sechs Minuten die Luft anhalten. Nach dem Surfen steigt er auf einen Ergometer, dehnt sich und kümmert sich um den Laktatabbau. Fragt man ihn, wie er sich an einem Morgen wie jenem im Oktober 2020 fühle, erzählt er von Mike Tyson. Der ehemalige Weltmeister im Schwergewichtsboxen sagte einmal, er habe vor jedem Kampf große Angst, dass er verliere. Aber dann ziehe er sich die Boxhandschuhe an, und mit jeder Bewegung weiche die Angst ein Stückchen mehr aus ihm. "Je näher er dem Ring kommt, desto mehr wächst sein Selbstbewusstsein", sagt Steudtner. "Er verliert die Angst. Und dann sagte er: Sobald ich im Ring bin, bin ich ein Gott. So würde ich das auch beschreiben."

Vom Hafen aus wird Steudtner an jenem Tag mit dem Jetski zum Nordstrand von Nazaré gefahren, wo die Wellen brechen und er eine Klippe umkurvt, auf der hoch über dem Meer ein Leuchtturm steht. Big-Wave-Surfer haben ihre eigene Infrastruktur; Steudtner hat einen Späher, der vom Leuchtturm aus mit einem Fernglas das Wasser beobachtet. Seine Jetski-Pilotin an jenem Tag ist die brasilianische Surferin Maya Gabeira, sie ist Weltrekordhalterin bei den Frauen, mit einer Wellenhöhe von 22,40 Metern. Im Wasser steht ein weiterer Jetski-Fahrer bereit, um Steudtner bei einem Sturz aus dem Wasser zu ziehen. Er ist schon oft in dieser Konstellation gesurft, die Männer bezahlt er, für Gabeira steuert er im Gegenzug selbst den Jetski. Die Teammitglieder sind am Tag seines Weltrekordes per Funk miteinander verbunden. Nur Steudtner nicht. Er sagt, er könne sich sonst nicht konzentrieren.

Die Wellen von Nazaré, auf die Steudtner an diesem Morgen zusteuert, sind, nach allem, was man weiß, die höchsten der Welt. Ihren Ursprung haben sie im Nordatlantik, Tausende Kilometer entfernt. Dort trifft im Herbst und Winter kalte Luft vom Nordpol auf wärmere Luft aus dem Süden. Der dadurch entstehende Wind überträgt seine Energie auf das Wasser und erzeugt so eine Kraft, die sich von West nach Ost durch den Ozean schiebt. In Nazaré würde sie sich als unspektakuläre Brandung entladen – wäre da nicht ein fünf Kilometer tiefer Unterwassergraben, der genau hier vor dieser Küste abrupt endet. Plötzlich fehlt dem Atlantik der Platz, die Energie kann auf einmal nicht mehr nach vorne, sie drückt das Wasser nach oben, noch höher als an anderen berühmten Surfspots, vor Australien, Südafrika oder Hawaii.

Vor Nazaré ist es, als habe der Ozean über Tausende Kilometer Wut aufgestaut und lasse sie nun geballt auf die Surfer los. So wie bei Steudtners Rekord.

An diesem Vormittag bauen sich immer wieder riesige Wellen auf. Unter blauem Himmel rast Maya Gabeira mit Steudtner an der Leine des Jetskis einen Wasserberg entlang. Dann lässt Steudtner die Leine los, Gabeira fährt aus der Welle heraus. Er ist auf sich allein gestellt.

Steudtner misst 1,73 Meter, die Welle hinter ihm ist 15-mal so groß. Er schießt das Wasser hinunter, wie auf der Flucht vor einer Lawine, es gibt ein Video von der Fahrt. Über Funk sagt der Späher: "Sebastian on the wave, on the wave, amazing wave, giant wave!" Als die Welle zu brechen beginnt, dreht Steudtner leicht nach links weg, um ihr zu entkommen. Das weiße Wasser bleibt erst hinter ihm, aber dann verschlingt es ihn doch. "Wipeout! Wipeout! Man down, man down!", ruft der Späher in sein Funkgerät. Die beiden Jetskis suchen nach Steudtner, sie finden ihn nicht. Stille.

Steudtner sagt, die Welle habe ihn nach unten gedrückt. Er wirbelt durch das Wasser. Dann schafft er es, eine CO₂-Kartusche zu öffnen, und bekommt endlich Auftrieb. Die Ausläufer der Welle werfen ihn an den Strand, unverletzt. Steudtner geht sofort zurück ins Wasser. Wenig später surft er eine ähnlich große Welle, diesmal entkommt er der Lawine. Es ist seine Rekordwelle. Sebastian Steudtner ist jetzt der beste Big-Wave-Surfer der Welt.

Die Geschichte des Surfens lässt sich auf zwei Arten erzählen. Die erste geht so: Um das Jahr 1000 besiedelten die Polynesier die Inseln Hawaiis. Sie fertigten Bretter aus Bäumen, stellten, setzten oder knieten sich darauf und glitten über die Wellen. 1778 durchquerte der Engländer James Cook die Südsee. Einer seiner Begleiter beobachtete dabei einen Mann beim Wellenreiten und schrieb: "Ich konnte nicht umhin festzustellen, dass dieser Mann das höchste Vergnügen empfand, während er so schnell und sanft vom Meer getrieben wurde."

Später hätten die weißen Einwanderer das Surfen am liebsten abgeschafft. In ihrer Welt aus Fleiß und Erfolgsstreben hatte es keinen Platz. Doch die Hawaiianer bewahrten es vor dem Untergang, und nach der Annexion der Inseln durch die USA im Jahr 1898 wurde der Sport in Nordamerika bekannt. Von den Fünfziger- und Sechzigerjahren an eroberte er von Kalifornien aus die Strände der Welt.

Surfer – das waren junge Menschen, die am Strand schliefen, Ukulele spielten und der Sonne beim Untergehen zusahen. Surfen – das war nicht etwas, das man tat, sondern etwas, das man war. So sahen es die Surfer. Einer der bekanntesten von ihnen, der verstorbene Amerikaner Greg Noll, sagte einmal: "Je mehr Spaß wir hatten, desto verärgerter war die Gesellschaft." Der Surf-Historiker und ehemalige Profisurfer Matt Warshaw, Autor eines Standardwerks zur Geschichte der Sportart, sagt: "Surfen ist körperlich und meditativ zugleich. Bis heute sehen die meisten Surfer den Kern darin, sich treiben zu lassen und abzuschalten."

Das ist die eine Geschichte des Surfens.

12.000 Kilometer entfernt von Hawaii, in der baden-württembergischen Gemeinde Weissach, liegt das Entwicklungszentrum des Autoherstellers Porsche. Wer es besuchen will, muss sich die Handy- und die Laptopkamera abkleben lassen, eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnen und eine Schranke passieren. Männer mit Aktentaschen laufen auf dem Gelände herum, Prototypen neuer Porsche-Modelle rollen über den Asphalt, weiß verkleidet, der Geheimhaltung wegen. Es gibt eine eigene Teststrecke, eine Krankenstation und eine Buslinie.

An einem Tag im April sitzt hier die Porsche-Mitarbeiterin Jin Gong in einem Konferenzraum und sucht auf ihrem Laptop nach einer Präsentation, die sie vorbereitet hat. Jin Gong ist Spezialistin für Aerodynamik und erforscht, wie sich der Luftwiderstand von Autos reduzieren lässt, zum Beispiel durch eine anders geformte Karosserie. Sie trägt eine weiße Bluse, streng zurückgebundene Haare und sagt, sie habe noch nie in ihrem Leben richtig gesurft. "Aber ich fand das Projekt sofort spannend."

Das Projekt begann vor zwei Jahren. Freunde von Sebastian Steudtner hatten Kontakte zu Porsche. Sie brachten den Surfer mit Ingenieuren des Autobauers zusammen, das erste Treffen fand per Video statt, während der Pandemie. Steudtner erzählte damals, Wellen von der Höhe seiner späteren Weltrekordwelle könne er wohl gerade noch bezwingen. Aber alles, was darüber hinausgehe, schaffe er nicht. Er sei dann nicht mehr in der Lage, der Lawine zu entkommen, er sei an eine Grenze gestoßen.

Es gibt Berichte, wonach sich vor Nazaré bis zu 50 Meter hohe Wellen auftürmen, auch wenn das extrem selten vorkommt. Wie könnte Steudtner derartige Wasserberge bewältigen?

Jin Gong sagt, es gebe darauf nur eine Antwort: Steudtner muss schneller werden.

Die Jetskis, von denen sich Surfer wie er zu den Wellen bringen lassen, haben speziell angeordnete Propeller. Diese sorgen für eine Art Vierradantrieb, um bei Rettungseinsätzen im aufgeschäumten Wasser besser voranzukommen – Sicherheit, die zulasten der Geschwindigkeit geht. Die Jetskis schaffen maximal 80 Kilometer pro Stunde, zu wenig für solche Riesenwellen.

Außer dem Jetski, sagt Gong, sei die einzige Quelle, die Steudtner als Antrieb zur Verfügung habe, die Welle selbst. Die Ingenieure mussten also herausfinden: Wie kann Steudtner die Kraft der Welle effektiver zur Beschleunigung nutzen?

Jin Gong hat auf ihrem Laptop die Präsentation gefunden, sie klickt durch die Seiten. Sie und ihre Kollegen haben Steudtners Ritt über das Wasser in drei Phasen unterteilt. Erstens: das Teilstück nach dem Loslassen der Jetski-Leine, während die Welle sich noch aufbaut und Steudtner mit sich trägt. Zweitens: der Abschnitt, in dem Steudtner die Welle mit steigender Geschwindigkeit herunterrast und der Kamm hinter ihm bricht. Drittens: der Zeitraum, wenn er bei sinkender Geschwindigkeit aus der brechenden Welle herausfährt.

Für jede der drei Phasen erstellten die Ingenieure eine mathematische Formel, um zu berechnen, wie sich verschiedene Faktoren auf Steudtners Geschwindigkeit auswirken. Zum Beispiel die Schwerkraft oder der Wasserwiderstand. In einer Computersimulation setzten die Porsche-Leute verschiedene Arten von Surfbrettern der Meeresströmung aus. Stark und weniger stark gebogene Bretter, Bretter mit Finne, ohne Finne, bei einer Geschwindigkeit von sechzig, achtzig und hundert Stundenkilometern. So konnten sie untersuchen, wo am Brett die größte Reibung entsteht. Jede Simulation dauerte Stunden.

Es ging dabei um winzige Details. Bei einem Radprofi gibt es zahlreiche Ansatzpunkte, um die Schnelligkeit seines Rades zu erhöhen. Man kann einen anderen Lenker montieren, um windschnittiger fahren zu können, kann die Größe der Kettenblätter und Ritzel variieren, den Luftdruck der Reifen an den Untergrund anpassen. Ein Surfbrett aber ist und bleibt einfach ein Brett.

Gong sagt, sie hätten herausgefunden, dass sich vor allem die Oberseite des Boards verbessern lasse, insbesondere vorne an der Spitze, unter die der Wind greife. Dadurch hebe er das Brett aus dem Wasser.

Im Porsche-Entwicklungszentrum gibt es eine verglaste Kabine mit Computern und Messgeräten, von der aus man in eine Halle mit einer schwarzen Röhre von rund vier Metern Durchmesser blicken kann. Der Windkanal. Aus der Röhre bläst die Luft mit einer Geschwindigkeit von bis zu 200 Stundenkilometern durch die Halle. Hier testet Porsche die Aerodynamik seiner Autos. Hierher gingen Jin Gong und ihre Kollegen im vergangenen Winter mit Sebastian Steudtner.

Statt eines neuen Porsches stand nun ein Mensch im Windkanal: Steudtner auf seinem Brett, den Körper im Neoprenanzug, den rechten Fuß vorne, der linke drückt das Brett nach unten, die Arme leicht geöffnet zur Stabilisierung. Die Porsche-Mitarbeiter filmten den Test, sie sprühten grauen Theaternebel in den Wind, um Verwirbelungen sichtbar zu machen. Auf einem Bildschirm vor sich sah Steudtner in Echtzeit die Kennzahl für den Luftwiderstand – und konnte beobachten, wie sie sich veränderte, wenn er seine Haltung anpasste. Den ganzen Tag stand er im Windkanal, trug eine Schutzbrille, damit seine Augen nicht tränten, und kühlte zwischendurch seinen linken Fuß in Eiswasser, der Bruch der beiden Mittelfußknochen lag damals noch nicht lange zurück.

Am Ende wussten Steudtner und die Ingenieure: Wenn er die Hüfte senkt, die Welle also noch geduckter heruntergleitet als bisher, und zudem den rechten Arm eng an den vorderen Unterschenkel legt, kann er den Luftwiderstand um 16,8 Prozent reduzieren. Vorausgesetzt, er steht auf dem passenden Board.

Nach Auswertung der Computersimulation und der Tests im Windkanal produzierte Porsche vier Prototypen eines neuen Surfbretts und schickte sie zu Steudtner nach Nazaré.

Sebastian Steudtner ist in einem Vorort von Nürnberg aufgewachsen, in einem Reihenhaus, seine Mutter wohnt noch immer dort. An einem Nachmittag Ende April öffnet sie die Tür, es gibt einen Kamin und Teppiche, durch die Fenster fällt Sonnenlicht auf eine Schale mit Obst. Katharina Schrattenecker hat die Haare in ein Tuch gebunden, sie ist gelernte Außenhandelskauffrau, später hat sie sich zur Heilpraktikerin ausbilden lassen. Fragt man sie, wie ihr Sohn zum Surfen kam, zeigt sie Fotos aus einem Urlaub in der Bretagne. Damals kauften die Eltern dem neunjährigen Sebastian ein Bodyboard. "Er war nicht aus dem Wasser zu kriegen", erinnert sie sich lächelnd.

In Steudtners Zimmer stehen noch die Möbel aus seiner Schulzeit, in Pappkartons verwahrt seine Mutter die Surf-Magazine, die er nach jenem Frankreich-Urlaub zu lesen begann. Er habe die Bewegungen der Surfer studiert und sich Videos besorgt, erzählt sie. Er begann mit dem Windsurfen, seine Mutter fuhr mit ihm zum Gardasee.

Später las er von einem Surf-Internat auf der hawaiianischen Insel Maui. Jeden Tag habe er darüber gesprochen, sagt seine Mutter. "Ich habe in ihm eine tiefe Dringlichkeit gemerkt." Steudtner sparte das Geld, das er in einem Surf-Geschäft verdiente, erkundigte sich im Reisebüro nach den Flugpreisen, legte seinen Eltern eine Kostenkalkulation vor. Schließlich, im Jahr 2001, Steudtner war 16, durfte er aufbrechen. "Ich habe gemerkt: Es wäre gefährlicher, ihn aufzuhalten, als ihn gehen zu lassen", sagt seine Mutter.

Auf Hawaii ging Steudtner jeden Tag surfen – windsurfen, damals noch. Dann kam ein Moment, der sein Leben veränderte.

An der Nordküste Mauis beobachtete er, wie sich ein Mann namens Laird Hamilton in riesige Wellen stürzte. Wenn Steudtner von ihm spricht, nennt er ihn beim Vornamen, Laird, so wie manche Cristiano-Ronaldo-Fans ihr Idol nur Cristiano nennen. Hamilton war 1992 der Erste, der sich von Jetskis ziehen ließ, wodurch es schlagartig möglich wurde, Riesenwellen zu reiten. Hamilton wurde zum internationalen Surf-Idol.

An jenem Tag seien Hamilton und seine Leute mit mehreren Jetskis und Booten durch das Wasser geprescht, erinnert sich Steudtner. Er selbst stand an Land und staunte. "Als würden sie etwas angreifen wollen", sagt Steudtner. "Geiler Auftritt."

Er sagt auch: "Laird war der einzige Surfer, den ich mir je zum Vorbild genommen habe."

Steudtner ging für einige Monate zurück nach Deutschland, brach die Schule ab und kehrte nach Hawaii zurück, um Surfprofi zu werden. Er fand einen hawaiianischen Mentor, bei dem er wohnte. Mit dessen Söhnen, beide Wrestler, traf er sich jeden Morgen um sechs Uhr zum Athletiktraining. Er arbeitete als Poolbauer, um sich das Benzin für die geliehenen Jetskis leisten zu können. Er bekam einen Spitznamen: "the determined German". Der entschlossene Deutsche.

2010 gewann Steudtner als erster Europäer den damals von der Surf- und Lifestyle-Firma Billabong gesponserten Preis für die höchste gesurfte Welle des Jahres. Die Prämie: 15.000 US-Dollar und ein Jetski.

Steudtner war 17, als er ernsthaft mit dem Surfen begann. In seinem Sport ein hohes Alter. Die Einheimischen nannten ihn haole, eine abwertende Bezeichnung für Weiße. Noch heute macht er in Gesprächen manchmal den Eindruck, als sehe er sich trotz aller Erfolge als Underdog. Als habe er das Gefühl, etwas aufholen zu müssen.

Neben Porsche ist Sebastian Steudtner inzwischen mit einem weiteren Unternehmen in Kontakt: dem Auto- und Industriezulieferer Schaeffler. Dessen Spezialisten haben schon spezielle Kufen für Eisschnellläufer und Rodler angefertigt, jetzt entwickeln sie eine wasserabweisende Beschichtung für die Unterseite von Steudtners Board.

Parallel dazu arbeitet an der Universität Erlangen-Nürnberg, Abteilung Künstliche Intelligenz in der Biomedizinischen Technik, ein Doktorand an einem neuen Neoprenanzug für Steudtner. Dieser wird Sensoren enthalten, die Steudtners Bewegungen und seine Geschwindigkeit aufzeichnen. Die so gewonnenen Daten sollen verraten, welche Muskelgruppen Steudtner besonders beansprucht.

Sebastian Steudtners Ziel ist es, schneller zu werden – aber es geht ihm auch noch um etwas anderes. Bisher ist er in seiner Karriere glimpflich davongekommen. 2008 wurde er eineinhalb Minuten lang unter Wasser gedrückt, aber ernsthaft verletzt hat er sich nie. Andere traf es schlimmer: Maya Gabeira wurde einmal bewusstlos am Strand von Nazaré angespült und legte danach eine mehrjährige Pause ein; der Brite Andrew Cotton brach sich den Rücken; im vergangenen Januar starb der Brasilianer Marcio Freire, es war der erste Todesfall in Nazaré. Auch deshalb setze er sich mit all den technischen Details auseinander, sagt Steudtner: "Ich habe dann Sicherheit, wenn ich weiß, dass ich mich damit befasst habe, wenn ich es verstanden und mich bestmöglich vorbereitet habe."

Steudtner arbeitet seit Langem mit einem Bundeswehrarzt aus Hamburg zusammen, der an wichtigen Tagen extra einfliegt und mit Defibrillator, Beatmungsschläuchen und Medikamenten am Strand steht. Seit diesem Jahr kooperiert er nun auch offiziell mit dessen Arbeitgeber, der Bundeswehr. Dort erhofft man sich, von Steudtners Erfahrung mit Extremsituationen zu lernen, im Gegenzug will das Bundeswehrkrankenhaus Hamburg den Surfer mit weiteren Ärzten unterstützen.

Steudtners Haus in Nazaré steht abgeschieden an einem Hang über der Stadt. Das weiße, zweistöckige Gebäude hat 320 Quadratmeter, dazu kommt ein riesiges Grundstück, es gibt einen Whirlpool, einen Infinity-Pool, eine Outdoor-Sauna und Zitronenbäume. Der Sport, der einst als Gegenprinzip zum kapitalistischen Immermehr galt, hat Sebastian Steudtner wohlhabend gemacht.

Unten, in Nazaré, winden sich enge Gassen um die Häuser. Manche Fassaden sind mit Bildern aus blau-weißen Keramikfliesen verziert, den sogenannten Azulejos. Vor rund 15 Jahren schrieben Männer aus der Tourismus-Abteilung der Stadt einen bekannten amerikanischen Surfer an: Es gebe riesige Wellen bei ihnen – ob er davon wisse? Der Surfer kam, Steudtner und andere folgten. Heute ist das einstige Fischerdorf weltbekannt. Der Ort zählt knapp 15.000 Einwohner und wächst, in Imbissen und Restaurants laufen die Videos von den Surfern und den Riesenwellen in Endlosschleife. Am Hafen lagern Fangnetze hinter rostigen Eisentoren, Katzen streunen umher, es riecht nach Fisch. Mittlerweile mieten viele Surfer hier Garagen, um ihre Ausrüstung unterzubringen, Jetskis, Fußschnallen, Walkie-Talkies.

In einem Café trinken Männer mit ledriger Haut an einem Nachmittag ihren Espresso und rauchen. Einer von ihnen ist Rui, Steudtners Jetski-Mechaniker. Zwischen zwei Zügen an seiner Zigarette erzählt er, wie er kürzlich mit einem amerikanischen Surfer gefeiert und zehn Gin Tonics getrunken habe. Auch andere Surfer mischten sich in Nazaré unter die Leute, erzählt der Mechaniker. Über ihm kreischen die Möwen. Er habe Steudtner schon öfter eingeladen. Aber der gehe nie aus. "Einsamer Typ", sagt er und schüttelt den Kopf. "Einsamer Typ."

Anderen Profisurfern kann man Nachrichten auf das Smartphone schicken, oft sind sie innerhalb weniger Stunden bereit für Gespräche. Sebastian Steudtner hingegen meldet sich nie selbst, weder per E-Mail noch über Instagram oder WhatsApp. Alles läuft über seine PR-Managerin, die zuvor für die deutsche Soul-Sängerin Joy Denalane gearbeitet hat. Sie sagt: "Am Ende des Tages ist Surfen für mich ein Produkt."

Steudtner beschäftigt einen Mitarbeiter in Deutschland und eine Assistentin in Portugal, weil er kaum Portugiesisch spricht. Während der Saison, schätzt er, arbeiten bis zu 30 Leute für ihn. Einer, der ihn gut kennt, sagt, es sei nicht einfach, seinen Ansprüchen zu genügen. Im Team gebe es eine klare Hierarchie und viele Wechsel.

Ein Vorort von Lissabon, ein Abend Ende Mai. Über der Porsche-Niederlassung, einem Glaskasten mit Meerblick, geht der Tag zu Ende, Sonnenstrahlen stechen durch die Scheiben, es gibt Thunfischhäppchen und Weißwein. Portugiesische und deutsche Medien sind gekommen, eine Sängerin auf High Heels tritt auf. Auf einem Podest, verhüllt mit schwarzem Stoff, steht Sebastian Steudtners neues Porsche-Surfbrett. An diesem Tag wird es der Öffentlichkeit präsentiert. Steudtner wird am nächsten Morgen erschöpft in einer Hotellobby sitzen und leicht genervt sagen: "Ich wiederhole mich, wiederhole mich, wiederhole mich – würde ich lieber im Wasser sein und das Brett surfen? Klar." Jetzt aber führt eine Moderatorin durch den Abend und stellt ihm ein paar Fragen, die er, ganz in Schwarz gekleidet, diszipliniert beantwortet.

Im Leben des Surfers Sebastian Steudtner geht es längst nicht mehr nur ums Surfen. Porsche kann sich durch die Zusammenarbeit mit einem Sportler, der scheinbar im Einklang mit der Natur über das Wasser gleitet, einen coolen, grünen Anstrich geben. Schnell und umweltfreundlich zugleich. Steudtner wiederum bekommt von Porsche Geld – wie viel, will niemand verraten –, und die Zusammenarbeit stärkt seine Marke. "Ich bin das teuerste Premiumprodukt, das du in unserem Sport bekommen kannst", sagt er.

Auf einem Bildschirm über dem Podest läuft jetzt ein mit dramatischer Musik unterlegtes Surf-Video, die Gäste applaudieren, Steudtner sieht einerseits stolz aus und andererseits so, als wäre er lieber woanders. Dann fällt der Stoff, und das neue Brett kommt zum Vorschein. Kameraleute filmen, Steudtner erklärt den Journalisten ein paar Dinge.

Das Brett ist 1,80 Meter lang, an der breitesten Stelle misst es 41 Zentimeter, es besteht aus einem mit Glasfaser ummantelten Styroporkern, laminiert mit Epoxidharz. All das hat es mit herkömmlichen Surfbrettern gemeinsam. Das Neue, das Besondere ist ein Aufsatz in umgedrehter V-Form, den Jin Gong und ihre Kollegen vorne an der Oberseite des Boards angebracht haben. Er soll dafür sorgen, dass der Wind das Brett aufs Wasser drückt, und gleichzeitig die Luft um Steudtners Bein herumleiten. Hinten ist ein Spoiler, der den Luftstrom wie bei einem Rennwagen abrupt abschneidet und den Widerstand dadurch weiter verkleinert.

Das Porsche-Board ist neongelb-schwarz und trägt den Namen Caçador RS. Die Bezeichnung RS bekommen bei Porsche jene Autos, die besonders leistungsstark sind. Caçador ist portugiesisch und heißt "Jäger". In wenigen Wochen, wenn der Herbst beginnt und sich vor Nazaré wieder die Wellenberge erheben, wird Steudtner mit dem Jäger auf Rekordjagd gehen. Dann wird sich zeigen, ob dieses Brett es ihm tatsächlich ermöglicht, seine Grenzen zu überschreiten. Ob die Berechnungen der Ingenieure stimmen, wonach er mit dem Porsche-Board auf 100 Stundenkilometer beschleunigen und auch den höchsten Wellen entkommen kann.

Porsche hat für Steudtner auch die Drohne entwickelt, mit der sich die Wellenhöhe bestimmen lässt. Die World Surf League misst Wellen bisher, indem eine Jury sich Fotos und Videos ansieht und durch das Verhältnis zwischen der Größe der surfenden Person und der Welle deren Höhe errechnet. Der so ermittelte Wert ist die Grundlage für den Eintrag ins Guinness Buch. Steudtners Drohne hingegen besitzt einen Sensor, wie er auch bei Fahrassistenzsystemen von Autos zum Einsatz kommt. Er sendet Lichtwellen aus, deren Reflexion er registriert, um so die Wellenhöhe präzise ermitteln zu können.

Wollte man in diesem Artikel nur Schwarz und Weiß zulassen, würde man sagen: Der Deutsche Sebastian Steudtner macht aus dem Surfen, was es nie sein sollte. Er bringt Zahlen und Daten, Leistungsdruck und Perfektionsdrang in eine Sportart, die dafür nie vorgesehen war. Er nimmt ihr die Romantik, die Seele.

Aber stimmt das auch?

Es gibt noch eine zweite, andere Geschichte des Surfens. Sie beginnt mit einem Baum, der Akazie. Aus ihr fertigten die Hawaiianer einst ihre schweren Bretter. Danach kamen: Rotholz, das leichtere Balsa-Holz, später das superleichte Styropor, heute werden oft Mischformen verwendet. Einst bis zu sechs Meter lang, schrumpften die Bretter über die Jahre, was sie wendiger machte. 1935 montierte ein amerikanischer Surfer erstmals eine Stahlfinne an die Unterseite seines Bretts. Heute sind die Finnen aus Kunststoff oder Carbon. Der ursprünglich für das amerikanische Militär entwickelte Neoprenanzug ermöglichte es Surfern, auch im Winter in die Wellen zu gehen und länger im Wasser zu bleiben. In den Achtzigerjahren konnten Surfer in Kalifornien eine Telefon-Hotline anrufen, um sich Vorhersagen von Wetter und Wind vom Band anzuhören, heute gibt es sie im Internet mit minutiösen Angaben zu Windrichtung, Wellenlänge und Wellenenergie in Kilojoule, wofür Algorithmen die Daten von Tausende Kilometer entfernten Messbojen aggregieren, auf die auch Wissenschaftler zugreifen.

Schon lange vor Ankunft der Europäer surften die Hawaiianer auch gegeneinander. Die früheste Überlieferung eines Wettrennens? Stammt aus dem 15. Jahrhundert. Später sahen sich viele Surfer zwar tatsächlich als Teil einer antikapitalistischen Gegenkultur und wandten sich gegen Leistungsstreben und das Messen von Erfolgen, aber meist versuchten auch sie, möglichst schnell zu gleiten und andere Surfer mit neuen Tricks zu übertrumpfen. Der Surf-Historiker Matt Warshaw sagt: "Surfer wollten schon immer die höchsten Wellen surfen. Es galt nur als uncool, das auch zuzugeben!" Ende der Neunzigerjahre fanden die ersten von Unternehmen gesponserten Big-Wave-Wettkämpfe statt. Inzwischen gibt es jährliche Surf-Weltmeisterschaften, 2021 war Surfen erstmals olympisch.

Eine Woche vor der Präsentation seines neuen Hightech-Bretts schwingt sich Sebastian Steudtner am späten Nachmittag in sein Auto und gibt Gas. Am Strand steigt er aus, sein Blick schweift über das Wasser. Die Wellen sind nicht annähernd so mächtig wie am Tag seines Weltrekords, es sind keine Berge, nicht einmal Hügel, vielleicht vier Meter hoch. Aber was soll’s, er hat jetzt Lust, er will raus, surfen.

Also zurück ins Auto und wieder hoch zum Haus. Ein Board fliegt in den Kofferraum, der Neoprenanzug hinterher, dann geht es runter zum Hafen, wo der Jetski steht. Während Steudtner durch Nazaré kurvt, ruft er einen Kumpel an, den er "Toby Trouble" nennt, und fragt ihn, ob er Lust habe auf eine Session. Toby, der mit Nachnamen Cunningham heißt, hat Lust, er ist kein Profi, sondern Hobbysurfer, ein amerikanischer Krypto-Investor, der in Nazaré lebt. Steudtner sagt sein Thaiboxtraining per Sprachnachricht ab, fährt zur Tankstelle und füllt zwei Kanister Benzin für den Jetski. Cunningham wartet schon am Hafen, Umarmung, Vorfreude, "What’s up, brother?".

Sie holen ihre Bretter aus dem Kofferraum, ziehen das Neopren über und steigen zu zweit auf den Jetski. Cunningham lacht, Steudtner lacht. Dann fahren sie den Wellen entgegen.