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Die im Dunkeln

Die im Dunkeln

Wieso eine Französin für 40 Tage in eine Grotte zog

(Erschienen in: Der Spiegel, Ressort Reporter, Ausgabe 24/2021. Zur Online-Version)

Am Rande der französischen Pyrenäen öffneten am 14. März 2021 die ersten Bäume ihre Knospen, Blätter sprossen der Sonne entgegen, und Margaux Romand-Monnier schritt hinab in die Dunkelheit. Vor ihr lag der Eingang zur Grotte von Lombrives, einer der größten Höhlen Europas. Romand-Monnier wollte für die nächsten 40 Tage und Nächte in der Grotte bleiben, ohne Uhr, Sonnenlicht oder Handy, bei ­einer Temperatur von zwölf Grad Celsius und einer Luftfeuchtigkeit von 95 Prozent. Vor der Stirn trug die 32-Jährige eine Lampe.

Romand-Monnier war eine von 15 Teilnehmenden des Experiments »Deep Time«. Ihr Aufenthalt in der Grotte sollte Daten liefern, mit de­nen französische Forscherinnen und Forscher herausfinden wollen, wie sich extreme Lebensbedingungen auf Menschen auswirken. Was passiert, wenn ihnen die Zeit entzogen wird? Wie geht es ihnen ohne Tageslicht? Und wie arrangieren sich 15 Fremde in einer Grotte, abgeschnitten von der Umwelt?

Als Romand-Monnier von dem Experiment erzählt, ist es Frühsommer, ihre Laptopkamera funktioniert nicht, das Bild bleibt schwarz, man hört sie nur. Sie sitzt im Homeoffice in ihrer kleinen Wohnung im 7. Pariser Arrondissement und sagt, es gehe ihr sehr gut.

Als sie die Grotte betrat, sei ihr immer kälter geworden. Bis zu zwei Kilometer tief reicht sie ins Gebirgsgestein; bei einem Kilometer hatten Helfer in den Tagen zuvor Lampen, Stühle, Tische und Kochmöglich­keiten aufgebaut, das Basislager, zudem hatten sie insgesamt vier ­Tonnen wissenschaftliche Instrumente und Nahrung angeliefert, zum ­Beispiel Reis, Früchte und Dosen­tomaten.

Dahinter begann die Dunkelheit, dort lag das Schlafquartier, mehre­re Hundert Meter entfernt. Romand-Monnier erinnert sich an den Lichtkegel ihrer Stirnlampe, an den Hall von Wassertropfen, die von der Decke fielen, an Fledermäuse. Als

sie müde war, kroch sie ins Zelt, schlüpfte in ihre zwei Schlafsäcke und schlief ein.

Romand-Monnier trägt auf Fotos eine runde Brille und die Haare hochgesteckt. Sie liebt Fallschirmspringen und sagt, sie sei schon immer neugierig gewesen. Außer ihr nahmen an dem Experiment sechs Frauen und acht Männer zwischen 27 und 50 Jahren teil. Romand-Monnier ist Neurowissenschaftlerin an einer Pariser Universität, sie war nicht nur Teilnehmerin, sondern auch Teil des ­Forschungsteams. Direkt vor und nach dem Aufenthalt in der Grotte wurden die Teilnehmenden in ein MRT-Gerät geschoben, um ein Kernspintomogramm von ihrem Kopf machen zu lassen. Romand-Monnier will analysieren, ob sich die Hirnstruktur durch das Leben in der Grotte verändert hat, zum Beispiel in den Arealen, die für die Motorik zuständig sind.

Wann genau sie in ihrer ersten Nacht einschlief, weiß sie nicht, schließlich trug sie keine Uhr und sah auch den Himmel nicht. 40 Tage lang verließ sie sich auf ihr Körpergefühl: Wenn sie müde war, schlief sie, und wenn sie Hunger hatte, aß sie. Ro­mand-Monnier sagt, die Teilnehmenden hätten einen unterschiedlichen Rhythmus entwickelt, fast nie seien alle zur selben Zeit wach gewesen – die innere Uhr habe sich verstellt.

Bevor sie schlafen ging, klebte sie sich acht Elektroden an den Kopf, um mit einem Gerät die Aktivität des Gehirns zu messen. Nach dem Aufwachen speicherte sie die Daten. Nach dem Essen schrieb sie auf, ob sie müde war und wie es geschmeckt hatte.

Währenddessen ging draußen das Leben weiter, das zweite Jahr der Pandemie. Corona brachte weiter­hin Ausgangssperren, Homeoffice und oft auch Einsamkeit ins Le­ben der Menschen. In der Grotte bekam Romand-Monnier davon nichts mit.

Mit der Gruppe habe sie sich blendend verstanden, sagt sie, obwohl es Menschen gewesen seien, denen sie sonst wohl nicht begegnet wäre, unter ihnen ein Mathelehrer, eine Juwelierin, eine Krankenpflegerin. Sie spielten »Scrabble«, »Uno« und »Rummikub«, oft kochten sie gemeinsam. Es gab vier Plastikboxen voll Erde, in die sie Steckrüben, Knoblauch, Radieschen und Karotten säten und mit LED-Lämpchen be­leuchteten. In jeder der Boxen sei etwas gesprossen, sagt Romand-Monnier. Das Trinkwasser schöpften sie aus zwei unterirdischen Seen.

Sie habe nicht gedacht, dass Gestein so schön sein könne, sagt die Neurowissenschaftlerin. In einem Mo­ment habe man einen Felsen erblickt, kohlrabenschwarz, und im nächsten eine goldschimmernde Wand. Nie sei ihr langweilig gewesen. Sie habe zwölf Bücher mit in die Grotte ge­nommen, aber nur eines ganz gelesen, den Roman »Das Verschwinden der Stephanie Mailer« von Joël Dicker.

Am 24. April war das Experiment vorbei. Romand-Monnier rollte ihre Schlafsäcke zusammen, setzte eine Sonnenbrille auf und verließ das Dunkel.

Zurück in ihrer Wohnung in Paris klingt sie gut gelaunt, sie sagt, sie freue sich schon auf die Auswertung der MRT-Daten. Sie wirkt ein wenig wehmütig. Sie lebt allein, mitten in Paris in der Nähe des Eiffelturms, und sagt, dort fühle sie sich in diesen Tagen isolierter als in der Grotte. Viele zögen Parallelen zwischen dem Experiment und der Pandemie, sagt Romand-Monnier, aber sie sehe keine. Sie hätten sich in der Höhle frei bewegen können und hätten keine Masken tragen müssen, 15 fremde Menschen aus 15 Haushalten. Es sei in 40 Tagen kein einziges Mal über Corona gesprochen worden. Auf die Frage, ob das Zufall gewesen sei oder so abgesprochen, sagt sie, es klinge seltsam, aber es sei einfach passiert. Es sei sehr erfrischend gewesen.

Foto: Human Adaption Institute